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Auferstanden aus Platinen - Computer in der DDR

25 Jahre liegt die Wende nun schon zurück. Gerade mal ein gutes Jahr vor dem Mauerfall, am 12. September 1988, hatte das Fernsehen der DDR live mit einer Sondersendung berichtet, als Erich Honecker das erste Funktionsmuster eines 1-Megabit-Speicherschaltkreises überreicht wurde. Hatte man - kurz vor dem Ende - den Kapitalismus auf dem Gebiet der Technik besiegt? Tatsächlich: Auch die DDR sollte digitalisiert werden. Allerdings unter Vorzeichen und Bedingungen, die sich vom Westen extrem unterschieden. Ein Rückblick auf die sozialistische Parallelwelt zu Commodore und Atari.

Ein Beitrag von der COMPAREX Redaktion.

1984 kam aus dem VEB Mikroelektronik „Wilhelm Pieck“ in Mühlhausen in Thüringen eine sensationelle Nachricht: Ein Heimcomputer sei entwickelt worden, der in absehbarer Zeit auch im Handel erhältlich sein würde. Dieses Kleincomputer-System bekam schließlich die Bezeichnung „HC900“. Diese, nur in den ersten Serien zu findende Abkürzung „HC“ stand für „Heimcomputer“. Sollte Bill Gates Vision vom PC auf jedem Schreibtisch also auch für die DDR gelten? Die gesamte Produktion der ersten Generation wurde auf Anweisung der Bildungsministerin, Margot Honecker, an staatliche Einrichtungen wie Schulen oder die NVA geliefert. Doch selbst hier konnte der hohe Bedarf nicht befriedigt werden. Um keine weiteren unerfüllbaren Hoffnungen bei den Privathaushalten zu schüren, wurde die nächste Serie des Rechners schließlich von HC in KC (Klein-Computer) umbenannt.

Robotron Briefmarke

Ständige Produktions-Engpässe

In der DDR erkannte man früh die Bedeutung der Informatik als Schlüsseltechnologie. So entstand bereits 1969 mit dem Kombinat „Robotron“ die erste Anlage zur Entwicklung und Herstellung der damals unter dem Begriff ESER (einheitliches System elektronischer Rechentechnik) zusammengefassten Technologie. Im Dezember 1986 ging an das Politbüro in Ost-Berlin folgende Erfolgsmeldung: „Mit herzlichen Kampfesgrüßen an den Genossen Erich Honecker meldet das Kollektiv des VEB Mikroelektronik Wilhelm Pieck, dass soeben der 10.000ste Kleincomputer des Jahres zusammengeschraubt wurde – zu Ehren des XI. SED Parteitags sowie als Beitrag zur Stärkung des Sozialismus und Sicherung des Friedens“. Sicherlich eine enorme Steigerung, denn anfangs waren lediglich 150 Mitarbeiter in Mühlhausen mit der Produktion von Kleincomputern beschäftigt. Sie fertigten sechs Geräte pro Tag. Zum Vergleich: Zu dieser Zeit wurde der Commodore 64 in der Bundesrepublik bereits eine Million Mal verkauft.

Bedenkt man die zehnjährige Wartezeit auf einen „Trabant“, wundert es nicht, dass es der DDR-Planwirtschaft bis zur Wende nicht gelingen konnte, die ganze Republik flächendeckend mit Computern zu versorgen. Hard- und Software gelangten selten über die Handelsorganisation (HO) in die ohnehin leeren Regale der Kaufhäuser. Materialknappheit und Ineffizienz in den Betrieben waren die Ursache. Der Ausschuss an Halbleitern, die zur Fertigung von Computern notwendig sind, lag am Ende der Produktionslinien in den Werken Erfurt und Frankfurt/Oder bei 95 Prozent. Die Ressourcen waren zu knapp und die mikroelektronischen Betriebe mit ihrer eigentlichen Tätigkeit, der Herstellung von Taschenrechnern, bereits an der Grenze ihrer Kapazität angelangt.

Staatliches Interesse an den „Computerfreaks“

Die Staatsleitung versuchte dennoch gezielt, bei der Bevölkerung Interesse für die neue Technik zu wecken und dieses in eine bestimmte Richtung zu lenken. So gab es im Ministerium für Kultur einen „Elektronikminister“ und eine „Direktion für Computerliteratur und Software“. Durch die angestrebte Einrichtung so genannter „Computerkabinette“ in Schulen und den Heimen der „gesellschaftlichen Kräfte“, also Organisationen wie der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ), sollte das bereits Mitte der 70er Jahre stark entwickelte Computerinteresse ausgebaut werden. Schüler verbrachten so ihre Ferien in Einrichtungen, wie dem „Informatik-Spezialistenlager“. Auch technisch orientierte Zeitschriften trugen zur Popularisierung des Computers bei, wie etwa der „Funkamateur“. Hier fanden sich regelmäßig Artikel und Bauanleitungen.

Computersport

Da die Funktion der „gesellschaftlichen Kräfte“ über den „Kampf für den Sozialismus“ definiert war, wurden alle gesellschaftlichen Aktivitäten in konsequentem Weiterdenken der herrschenden Ideologie als „Wehrsport“ bezeichnet. Analog entwickelte sich schließlich für die Beschäftigung mit der neuen Technologie die Bezeichnung „Computersport“. Folgerichtig organisierte der Staat zur Förderung des friedlichen sozialistischen Konkurrenzkampfes Wettbewerbe, Meisterschaften und 1987 in Berlin die erste „Programmierolympiade“ der DDR.

Der Rechner im Eigenbau

Der interessierte Bürger gelangte auf unterschiedliche Art und Weise zu seinem „Heimrechner“. Zunächst entstand eine lebhafte Eigenbauszene. Einige Zeitschriften versorgten die „Computersportler“ mit Anleitungen für Maschinen wie beispielsweise den „AC1“ („Amateurcomputer“). In einer anderen Ausgabe sollte aus einer Seifendose und einem Stück Luftpumpe nach einem Bauplan ein so genannter „Spielhebel“ zusammengelötet werden: Anglizismen wie „Joystick“ konnte man schließlich nicht gut propagieren.

Auch Robotron selbst bot einen Heimcomputer-Bausatz an, den „Z1013“. Zunächst musste die rohe Platine per Postkarte bestellt werden. Ein Jahr später konnte man sie im zentralen Robotron-Geschäft in Erfurt an der Gagarinstraße abholen. Zum Z1013 gehörte eine Tastatur, auf der die Buchstaben alphabetisch angeordnet waren. In Ermangelung von Alternativen wurden Tausende von diesen Bausätzen bestellt.

Software und Raubkopien

Der Mangel an Kapazitäten und Know-How, der sich bei der Produktion von Hardware als Problem herausstellte, behinderte auch die Entwicklung und die Verbreitung leistungsfähiger Software. Durch den „Eisernen Vorhang“ gegen die rechtlichen Folgen urheberrechtlicher Übertretungen abgesichert, wurde daher in den staatlichen Betrieben als offenes Geheimnis westliche Software kopiert oder einfach umbenannt. Aus CP/M wurde so Robotron SCP oder aus dBase schließlich REDABAS.

Robotron Programmkassette

Die Verbreitung von Software über Disketten wie im Westen war jedoch logistisch nicht möglich. Selbst wer Software kaufen wollte, dem war es oft nicht möglich, die entsprechende Ware im Laden zu erhalten. Die Folge war eine Kopier-Euphorie. Die User kopierten Anwendersoftware millionenfach. Aus heutiger Sicht steht Compliance hinsichtlich von Software-Lizenzierung ganz oben in der Liste der Software-Hersteller. Das Urheberrecht und der Schutz von geistigem Eigentum war aber nicht Ziel der Staatsführung. Vielmehr stand das sozialistische Prinzip, dass allen alles gehöre, im Vordergrund. Deshalb wurden sowohl Kopiermethoden als auch die Verbreitung gebilligt. In den Kleinanzeigen der gängigen Technik-Zeitschriften galt der Hinweis „Suche Erfahrungsaustausch“ als Code für privaten Softwarehandel. Vor allem eine Besonderheit der KC-Reihe wurde zur Verbreitung von Software genutzt: Ein akustisches Speichermedium konnte auf Kassette oder Schallplatte aufgenommene Computerprogramme verwenden. Diese wurden über die Sender DDR II und DT64 tatsächlich regelmäßig zum Mitschnitt ausgestrahlt. Ein zehnminütiges Gekratze unterbrach dort gelegentlich das Musikprogramm. Auch die DDR-Plattenfirma „Amiga“ presste neben den Hits der „Puhdys“ oder „Karat“ Software auf Schallplatten

Schwarzhandel und Importe aus dem Westen

Wie bei allen gehobenen Konsumprodukten in der DDR führte auch die Knappheit im Computerbereich zu einem regen Schwarzhandel. Importe aus dem Westen waren dem Staat aufgrund der Devisenknappheit so gut wie nicht möglich. Deshalb behinderte man von staatlicher Seite den Import durch Privatpersonen nicht oder zumindest nicht in der Weise, wie dies bei anderen Konsumprodukten üblich war.

Der Privatmann mit Verwandten im Westen konnte sich einen PC schicken lassen, wenn er die hohen Zölle bei der Einfuhr bezahlte. Bekam er vielleicht von der guten Oma oder Tante Westmark, konnte er den Rechner auch im Intershop (den staatlichen Läden, in denen gegen Westmark Westprodukte gehandelt wurden) erwerben. Fehlte die Verwandtschaft, blieb die Möglichkeit, harte Westdevisen auf dem Schwarzmarkt zu tauschen. Der inoffizielle Schwarzmarktkurs für die D-Mark lag bei eins zu sechs. Ein Commodore 64 kostete also immerhin 6.000 Ostmark. Ein Zehnerpack Disketten konnte es schnell auf bis zu 600 Mark bringen. Man bedenke: Der durchschnittliche Verdienst eines Arbeitnehmers in der DDR lag zwischen 700 und 800 Mark. Ein Atari ST brachte es auf 20.000 Mark – so viel wie ein gebrauchter Trabant! Wahrscheinlich wussten dies die Computerfreaks im Westen nicht, die in ihren einschlägigen Fachblättern oft Anzeigen sahen wie: „Wer schenkt DDR-Bürger Commodore 64?“.

Computerspiele in der DDR

Bei den beliebtesten Computerspielen handelte es sich um Variationen westlicher Entwicklungen. "Pac-Man" wurde so zu "Hase und Wolf". Aber wahrscheinlich nicht einmal alle Bürger der DDR wussten davon, dass es seit 1980 Computer- und Videospiele auch aus volkseigener Produktion gab. Die erste Entwicklung hieß "BSS 01“. Als im Westen "Space Invaders" oder "Missile Command" in Mode waren, konnte "BSS 01" (der EVP, Einheitlicher Verbraucher Preis, lag bei 500 Mark) immerhin einen weißen Balken auf dem Fernsehbildschirm rauf und runter bewegen – ähnlich dem Urvater aller Spiele, „Pong“, das 1972 in den USA entwickelt worden war. Hauptabnehmer der Spiele waren Jugendclubs. Hier wurde übrigens ein Weg beschritten, der dem im Westen diametral entgegen gesetzt war. Während dort Gesetze novelliert wurden, die die Jugendlichen vor den als schädlich apostrophierten Spielen schützen sollten, sah die Staatsführung der DDR in der Beschäftigung der Jugend mit Computerspielen stolz ein Anzeichen, wissenschaftlich und technisch auf der Höhe des Weltniveaus zu sein.

Von der Mangelware zum Ladenhüter

„Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“. Diesen berühmten Ausspruch tat Erich Honecker anlässlich der 1-Megabit-Chipübergabe. Trotzdem war bereits 14 Monate später mit dem 9. November 1989 auch die Geschichte der volkseigenen 8-Bit-Rechner zu Ende. Wie so viele Betriebe, die Produkte herstellten, die quasi über Nacht niemand mehr interessierten, wurden auch die Mikroelektronik-Kombinate von der Treuhand abgewickelt. Den letzten landesweiten Programmierwettbewerb der DDR gewann übrigens 1989 ein Zwölfjähriger. Er verwendete einen Commodore 64.

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Artikel vom:
19.12.2014

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Geschichte, Robotron, Technik

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